| Informatives | Politik Sichtbar, aber sicher? Die Bedrohungslage für queere Menschen in Bayern
Das sagen Verfassungsschutz und Innenministerium
Der mutmaßlich islamistische Terroranschlag auf den Berliner CSD hat die Frage nach der Sicherheit queerer Menschen neu aufgeworfen. Wie groß ist die Gefahr in Bayern? Antworten von Verfassungsschutz und Innenministerium zeigen: Die abstrakte Gefährdung ist hoch. Queerfeindliche Vorfälle und auch rechtsextreme Agitation nehmen zu. Doch hat Bayern die richtigen Antworten darauf?
Der 26. Juli 2026 hat die queere Community in Deutschland erschüttert. Beim CSD in Berlin wurde ein mutmaßlich islamistischer Terroranschlag verübt. Eine Frau starb, 29 weitere Menschen wurden verletzt. Für viele queere Menschen stellt sich seitdem noch dringlicher die Frage: Wie sicher können wir eigentlich auf die Straße gehen und sichtbar queer leben?
Auch in Bayern ist diese Frage relevant. 2026 finden hier so viele CSDs wie nie zuvor statt. Wir haben deshalb beim Bayerischen Landesamt für Verfassungsschutz und beim Bayerischen Staatsministerium des Innern, für Sport und Integration nachgefragt: Wie wird die aktuelle Bedrohungslage eingeschätzt? Welche Entwicklungen beobachten die Sicherheitsbehörden? Und was bedeutet das für CSDs, queere Einrichtungen und Veranstaltungen in Bayern?
Sicherheitsbehörden: Abstrakte Gefährdung ist hoch
In einer Antwort vom 30. Juli 2026 bewertet das Bayerische Landesamt für Verfassungsschutz die Gefährdung durch islamistischen Terrorismus in Bayern grundsätzlich als „abstrakt hoch“. Eine "abstrakte Gefährdungslage" bezeichnet ein grundsätzlich erhöhtes Risiko, dass aufgrund der allgemeinen Sicherheitslage und bekannter Bedrohungen ein bestimmter Bereich oder eine bestimmte Gruppe Ziel eines Angriffs werden könnte, ohne dass konkrete Hinweise auf einen unmittelbar bevorstehenden Angriff vorliegen.
CSDs, Pride-Veranstaltungen und andere öffentliche Veranstaltungen der queeren Community gehören nach Einschätzung des Landesamts grundsätzlich zu möglichen Anschlagszielen. Bei islamistisch motivierten Anschlägen stünden häufig öffentliche Veranstaltungen mit möglichst vielen Menschen im Fokus. Aktuell liegen dem Landesamt aber keine konkreten Gefährdungserkenntnisse für queere Veranstaltungen und Kundgebungen in Bayern vor.
Das Bayerische Innenministerium bestätigt in seiner Antwort vom 5. August 2026 eine „anhaltend hohe abstrakte Gefährdungslage“. Die Bayerische Polizei kündigt lageangepasst verstärkte Präsenz an, will Sicherheitskonzepte gemeinsam mit Veranstalter*innen überprüfen und ihre Einsatzkonzepte fortlaufend anpassen.
Das bedeutet: Es gibt derzeit keine konkreten Hinweise auf einen bevorstehenden Anschlag auf eine bestimmte queere Veranstaltung in Bayern. Die allgemeine Bedrohungslage wird von den Sicherheitsbehörden aber als hoch eingeschätzt.
Rechtsextreme Agitation nimmt stark zu
Die Bedrohungslage für queere Menschen lässt sich nicht auf eine einzelne extremistische Ideologie reduzieren. Queerfeindlichkeit tritt in unterschiedlichen politischen und gesellschaftlichen Milieus auf und reicht von alltäglicher Diskriminierung und Hasskriminalität bis hin zu extremistischer Mobilisierung und potenziell terroristischer Gewalt.
Queerfeindlichkeit ist ein zentrales Thema sowohl im Rechtsextremismus als auch im Islamismus. Das Landesamt berichtet von Protesten und Störaktionen gegen CSDs und den Pride Month und stellt fest: „Diese Agitationen nehmen weiter zu.“ Im Rechtsextremismus werde sie unter anderem genutzt, um gegen eine pluralistische Gesellschaft zu agitieren. Die pauschale Verbindung queerer Menschen mit Pädophilie und Sexualstraftaten könne nach Einschätzung des Verfassungsschutzes Übergriffe und Gewalttaten fördern. Auch im Islamismus ist Queerness nach Einschätzung des Landesamts ein zentrales Feindbild. Über digitale Angebote würden entsprechende Narrative zunehmend auch in konservative, demokratiekritische und verschwörungsideologische Milieus außerhalb der islamistischen Szene getragen.
Auf unsere Nachfrage zu christlich-fundamentalistischen beziehungsweise christlich-extremistischen Akteur*innen erklärte der Verfassungsschutz, diese bildeten keinen eigenen Phänomenbereich und seien kein Beobachtungsobjekt des Landesamtes. Entsprechend lägen hierzu keine Erkenntnisse vor.
Tatsächliches Ausmaß bleibt im Dunkeln
Klar ist: Die polizeiliche Statistik bildet nur einen Teil der Realität ab. 2025 wurden in Bayern 180 queerfeindliche Straftaten polizeilich erfasst. Gleichzeitig dokumentierte die Fachstelle Strong! 413 queerfeindliche Vorfälle – rund 43 Prozent mehr als im Vorjahr und fast 80 Prozent mehr als 2023. Die Zahlen sind nur bedingt vergleichbar, denn: Die Polizei erfasst Straftaten, Strong! auch Diskriminierungen und andere Vorfälle, die nicht zwingend strafbar sind. Aber: Die Zahlen zeigen die Bedeutung zivilgesellschaftlicher Meldestellen. Polizei und Fachstellen gehen weiterhin von einem erheblichen Dunkelfeld aus; Expert*innen schätzen es teilweise auf bis zu 90 Prozent.
Zivilgesellschaftliche Anlaufstellen wie Strong! und lokale queere Beratungsstellen schließen eine wichtige Lücke. Sie dokumentieren Vorfälle, beraten Betroffene niedrigschwellig und begleiten sie im Umgang mit Diskriminierung und Gewalt. Viele Betroffene wenden sich bewusst an diese Stellen, weil sie dort einen diskriminierungssensiblen und geschützten Raum erwarten. Diese Strukturen sind damit nicht nur für die Unterstützung Betroffener unverzichtbar. Sie tragen auch dazu bei, überhaupt sichtbar zu machen, wie groß das Problem der Queerfeindlichkeit tatsächlich ist.
Sicherheit – eine Aufgabe der Community und Ehrenamtlicher?
Für CSDs und andere queere Veranstaltungen bedeutet die aktuelle Lage vor allem: Der direkte Austausch mit Polizei und Sicherheitsbehörden und ein aktuelles Sicherheitskonzept sind wichtiger denn je. Gleichzeitig weist das Innenministerium darauf hin, dass die Gewährleistung der Sicherheit bei Veranstaltungen grundsätzlich in der Verantwortung der Veranstalter*innen liegt. Gerade hier stellt sich die Frage, ob ehrenamtlich organisierte CSDs und kleinere queere Veranstaltungen die notwendigen personellen, finanziellen und organisatorischen Ressourcen haben, um dieser Verantwortung gerecht zu werden.
Aus unserer Sicht darf die Antwort auf eine erhöhte Bedrohungslage deshalb nicht darin bestehen, die Verantwortung vor allem bei den Veranstalter*innen abzuladen. Wenn der Staat von einer anhaltend hohen abstrakten Gefährdung spricht, muss er auch dafür sorgen, dass Veranstalter*innen Zugang zu kompetenter Beratung, verlässlichen Ansprechpartner*innen und den notwendigen Ressourcen für angemessene Sicherheitsmaßnahmen haben. Queere Sichtbarkeit darf nicht davon abhängen, ob ein überwiegend ehrenamtlich getragenes CSD-Team sich ein ausreichendes Sicherheitskonzept leisten kann.
Auffällig ist zugleich, dass sich die konkreten Maßnahmen der Polizei vor allem auf Veranstaltungen und Versammlungen beziehen. Für queere Beratungsstellen, Jugendangebote und andere dauerhaft bestehende Einrichtungen nennen die Behörden keine spezifischen zusätzlichen Schutzmaßnahmen. Gerade hier bleibt damit offen, wie der Staat mit der erhöhten Bedrohungslage jenseits der Pride-Saison umgehen will.
Bayern braucht eine Gesamtstrategie
Die Antworten der Sicherheitsbehörden zeigen, dass queere Veranstaltungen in Bayern lageabhängig geschützt werden. Eine umfassende politische Strategie gegen Queerfeindlichkeit fehlt jedoch weiterhin. Auch der am 16. Juni 2026 veröffentlichte "Bayerische Aktionsplan Queer" reicht aus Sicht queerer Fachorganisationen dafür nicht aus. Er enthält einzelne Maßnahmen, stellt aber nicht die notwendigen strukturellen Antworten und finanziellen Mittel bereit, um Queerfeindlichkeit wirksam und langfristig zu bekämpfen.
Es braucht eine ressortübergreifende Strategie, konsequente Prävention, queersensible Aus- und Fortbildung von Polizei und Justiz, die Umsetzung der Handlungsempfehlungen der Innenministerkonferenz sowie eine verlässliche Finanzierung von Beratungs- und Communitystrukturen.
Der LSVD⁺ hat nach dem Anschlag in Berlin deshalb zehn Sofortmaßnahmen für mehr queere Sicherheit gefordert – darunter eine engere Zusammenarbeit von Sicherheitsbehörden und queerer Zivilgesellschaft und eine regelmäßige, queersensible Sicherheitsstrategie für die Pride-Saison. Die Rekordzahl der CSDs 2026 zeigt: Wir lassen uns unsere Sichtbarkeit nicht nehmen! Damit diese Sichtbarkeit möglich bleibt, braucht es aber auch Sicherheit.